Wer kleine Kinder in der Natur beobachtet, erkennt schnell, dass die Ursprünglichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sie mit Tieren und Pflanzen interagieren, so bei Erwachsenen nicht mehr vorkommen. Bald wird einem bewusst, dass nicht das mit Spielzeug beladene Kinderzimmer der Ort ist, wo ein Kind sein sollte, sondern die Wiese oder der Wald, weit abseits von Asphalt und Kaufhäusern. Leider werden die Möglichkeiten, dies Kinder erleben zu lassen, in unserer Gesellschaft immer weniger. Die Natur wird über all den pädagogischen Konzepten auch oft vergessen. Wir Eltern wollen doch alles richtig machen, schicken unsere Kinder in Spielgruppen, Turngruppen, Musikgruppen. – Alles in schön dafür vorbereiteten Räumen. Ich habe das bei meinem ersten Kind auch gemacht. Schließlich wollte ich meine kleine Elfenprinzessin bestmöglich gefördert wissen und ihr viel bieten. Eines schönen Tages, als ich mit meiner zweijährigen Tochter an einem sonnigen Frühlingstag im Kellerraum eines Bildungshauses saß und zusah, wie sie mit anderen Kindern Plastikbecher stapelte, überkam mich das Gefühl, dass dies nicht richtig sein kann. Als die Spielstunde beendet war, stürmte die Kleine erleichtert nach draußen, legte sich in die Wiese vor dem Haus und blickte fröhlich in den blauen Himmel. Das war das letzte Mal, dass wir drinnen waren, obwohl wir hätten draußen sein können.

Kind sieht den Huehnern im Garten zu

 

Erst einige Zeit später las ich das Buch von Richard Louv, The last child in the woods, welches genau meine Einstellung wiedergibt. Er definiert dazu ein eigenes Störungsbild, das Natur-Defizit-Syndrom (Nature-Deficit-Disorder). Kinder sind viel zu wenig in der Natur, vor allem das freie Spiel im Wald oder an „verwilderten“ Plätzen ist kaum mehr beobachtbar. Louv führt psychische Störungen unserer Kinder, wie zum Beispiel ADHS oder kindliche Depressionen auf diese fehlende Beziehung zur Natur zurück. Studien belegen, dass der Aufenthalt in der Natur nachweislich zur Reduktion von Stress führt und hilft, Energiereserven aufzubauen um insgesamt stressresistenter zu werden.

Auch Mangel an Bewegung (und dessen gesundheitliche Folgen) und Übergewicht bei Kindern nehmen stetig zu – und zwar trotz einer beobachtbaren Zunahme an Kindern und Jugendlichen, die ihre Nachmittage in Sportvereinen und Trainings verbringen. Für Louv ist auch dies auf die fehlende Bewegung in natürlicher Umgebung zurückzuführen. Ein bis zwei Stunden am Fußballfeld ein Mal pro Woche können eben nicht ganze Nachmittage ersetzen, an denen im Wald geklettert, gelaufen und gespielt wird.

In meiner Umgebung beobachte immer wieder, dass selbst hier, in einer sehr ländlichen Gegend, wo Wiesen und Wälder quasi direkt vor der Haustüre zu finden sind, immer weniger Eltern mit ihren Kleinen hinaus in die Natur – abseits des Spielplatzes um die Ecke oder den eigenen Vorgarten – gehen. Viele Kinder unter 5 Jahren waren noch nie im Wald.

Während meiner Zeit als Sozialpädagogin hatte ich mit Jugendlichen zu tun, die nicht wussten, wie sie sich auf den verwurzelten Pfaden des Waldes fortbewegen sollten, da sie noch nie zuvor in ihrem Leben unebenes Gelände betreten hatten.

Was können wir als Eltern nun dagegen tun?

Nehmt eure Kinder und geht hinaus! Es muss nicht immer der perfekt designte Spielplatz sein. Sucht ein Waldstück, das für euch erreichbar ist. Nehmt auch gleich die Freunde oder Nachbarskinder mit. Packt Rucksäcke mit kleinen Stärkungen, setzt euch auf eine Lichtung und macht dort mit den Kindern ein Picknick. Mehr müsst ihr nicht tun. Der Rest ergibt sich von ganz allein. Lehnt euch zurück und seht euren Kindern zu, wie sie die Natur entdecken. Vielleicht könnt ihr sogar selbst die Zeit genießen und Dinge wahrnehmen, die euch bisher noch nicht aufgefallen sind.

Kinder sitzen in der Wiese und sehen auf die Berge